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Die Legende der Weißen Frau von Texel

Zu Zeiten als sich die Bewohner der Insel Texel noch Zdurch das Sammeln von Strandgut, zumeist angeschwemm- te Güter von in Seenot geratenen Handelsschiffen, ihren Lebensunterhalt verdienten, lebte auch der Strandräuber Jan Witkop vom Verkauf seiner mühsam zusammengeklaubten Waren. Strandräuberei war ein hartes Geschäft, denn viel zu viele Augen richteten sich an stürmischen Tagen und Nächten zum Horizont um den Kampf der Schiffe gegen Sturm und Gezeiten lauernden Blickes zu verfolgen. Man musste schnell sein, bereit sein zu den unchristlichsten Zeiten den Gang zum Strand zu wagen, wollte man sich das angeschwemmte Gut, noch bevor es in die gierigen Hände seiner Mitstreiter gelangte, zu eigen machen. Zudem war es eine nicht ganz legale Sache, Handel mit angeschwemmten Waren zu betreiben oder auch nur Bau- und Feuerholz zu sammeln um mit seiner Familie warm über den Winter zu kommen. Auch wenn die Kirche zu dieser Zeit beide Augen zudrückte und die Menschen dadurch wenigstens vor Gott ein reines Gewissen haben konnten, so machte man sich vor dem Gesetz jedoch strafbar, da alle Fundstücke eigentlich zunächst dem Strandvogt übergeben werden mussten und alles was das Meer an Land spülte von Rechts wegen dem Staat gehörte. Die Legende der Weißen Frau von Texel Frau und Kind hatte Jan Witkop in einem bitterkalten Winter an die damals auf der ganzen Insel wütenden Grippe verloren; er selbst kam nur knapp mit seinem Leben davon, das fortan von großer Einsamkeit und Trauer geprägt war. Er hatte nun zwar nur noch sich selbst zu versorgen, doch das war ihm natürlich kein Trost und so lebte er ein Leben ohne Freude. Kein Kinderlachen erfüllte mehr seine ärmliche Hütte am Deich, keine liebevolle Ehefrau wärmte des Nachts sein Bett und sein Herz. Oft dachte er daran seinem Leben ein Ende zu bereiten. Nur die Angst um seine Seele, die durch eine solche Tat dazu verdammt wäre bis in alle Ewigkeit im Höllenfeuer zu schmoren, das ihn für immer von seinen Lieben trennen würde, hielt ihn davon ab. Aber an einem Herbstmorgen, noch bevor das erste Licht der aufgehenden Sonne die Insel erhellte, passierte etwas, dass sein Leben verändern sollte. Er wusste, dass des Nachts ein Schiff im Sturm durch die von Strandpiraten gezündeten falschen Leuchtfeuer auf einer Sandbank gestrandet war. Jan Witkop hieß derlei Aktivitäten nicht gut, er beteiligte sich nie an solchen Unternehmungen. Doch wenn schon lange Zeit kein Schiff mehr in Seenot geraten war, der Winter nahte und das Feuerholz rar wurde, konnte er sich nicht erlauben, fromm in seiner Hütte auf die nächste Sturmnacht zu warten, in der ein Schiff, ohne dass es in die Irre geführt wurde, seine Segelmasten und geladenen Waren dem Meer übergeben musste. So verließ er also an diesem Morgen mit seinem Handwagen im Schlepptau sein karges Heim und stapfte zum Strand, in der Hoffnung, dass die Strandpiraten noch nicht alles verwertbare Gut aufgeklaubt hatten. Doch seine Hoffnungen wurden nicht erfüllt. Obschon die Dämmerung bereits den Anbruch des Tages ankündigte und seine geübten Augen selbst im nebeligen Morgengrauen schon oft die grauen Umrisse von gestrandeten Gegenständen hatten ausmachen können, war weit und breit nichts zu sehen, was er auf seinen Wagen hätte laden können. Vor lauter Gram und der ihn immer wieder zu dieser Jahreszeit heimsuchenden Trauer um den Verlust von Frau und Kind sank er auf die Knie und weinte bittere Tränen in den kalten Sand. In sein Jammern und Klagen mischte sich plötzlich ein Geräusch, das ihn innehalten ließ. Ein leiser, lang gezogener Ruf, der beinahe von den sanft plätschernden Wellen, die nun seicht im Sand verliefen, verschluckt wurde. Er richtete sich auf und sah sich um. Sein Blick fi el auf eine kleine magere Schwarzkopfmöwe, die 20 Fuß von ihm entfernt im Sand lag. Vorsichtig, um sie nicht zu erschrecken, ging er zu dem erschöpften Tier, das ihn mit angstgeweiteten Augen ansah und erbärmlich schrie. Jan Witkops Herz strömte über vor Mitleid. Normalerweise hätte er die Möwe wahrscheinlich verenden lassen, so war nun mal der Lauf der Natur und Möwen gab es weiß Gott genug. Doch an diesem Morgen erwuchs in dem einsamen Mann, der es nicht vermocht hatte, seine Frau und sein Kind vor dem Tod zu bewahren, der verzweifelte Wunsch das Leben dieses hilfl osen kleinen Wesens unter allen Umständen zu retten. Und so zog er seinen warmen Mantel aus und bettete den zitternden Vogel vorsichtig hinein. Mit Bedacht und beruhigende Worte murmelnd lief er, den Vogel sicher in seiner Armbeuge, mit seinem leeren Holzwägelchen zurück zu seiner Hütte hinterm Deich. Über viele Wochen pflegte er den Vogel. Er gab ihm von seinem Fisch und seinem Trinkwasser und baute ihm ein warmes Nest. Jan Witkop gewöhnte sich schnell an die Anwesenheit des genügsamen Tieres und wollte seine Gesellschaft schon bald nicht mehr missen. Denn obwohl auf die Worte, die er an den Vogel richtete, nie eine Antwort folgte, so hatte er doch das Gefühl gehört zu werden. Seine Verzweifl ung und Einsamkeit schwanden Tag für Tag ein wenig mehr und machten Platz für ein Gefühl von tiefem inneren Frieden. Die Möwe wurde zusehends kräftiger und obwohl er sich nicht vorstellen mochte, sein Leben fortan wieder allein zu verbringen, wusste er doch, dass er sie eines baldigen Tages wieder in die Freiheit entlassen musste. Als dieser Tag gekommen war und er wie immer mit der Möwe sprach und ihr von ihrem neuen Leben in Freiheit erzählte, antworte ihm diese zur seiner großen Überraschung plötzlich mit sanfter Stimme: „Ich danke dir, Jan Witkop. Du hast mich schwach und krank gefunden, mein kleines Leben für wert erachtet und mich nicht dem sicheren Tod überlassen. Du hast mich mit Liebe und Hingabe gepfl egt und mit mir dein karges Mahl geteilt. Du hast mir ein warmes Nest gegeben und mir Mut zugesprochen, mit mir deine Sorgen geteilt. Mir ist in all der Zeit nicht entgangen, wie einsam du bist und wie sehr dir die Liebe und Wärme eines menschlichen Wesens fehlt und doch hast du dich mit meiner Anwesenheit begnügt, hast Tag und Nacht über mich gewacht und hast dem Leben und der stillen Freude wieder Einzug in dein Herz gewährt. Ich möchte dir ein Geschenk machen. Ich werde mich in eine Menschenfrau verwandeln und dir für den Rest deines Lebens Liebe und Wärme zuteil werden lassen und dafür sorgen, dass du nie wieder Hunger leiden musst – aber nur unter einer Bedingung: Du darfst mich niemals darum bitten, bei mir schlafen zu dürfen. Tust du es doch, werde ich nicht nein sagen können. Wenn du bei mir schläfst wird uns eine Tochter geboren werden, doch du musst wissen, dass diese Tochter eine Möwenseele haben wird, die in einem Menschenkörper lebt und sie wird auf immer und ewig dazu verdammt sein, sich nach ihren Brüdern und Schwestern zu sehnen und danach streben mit ihnen über die Weiten des Meeres zu fliegen. Und doch wird sie niemals dem Gefängnis ihres menschlichen Körpers entkommen können und niemals Trost und Liebe durch eine Menschenseele erfahren können. Du weißt was Einsamkeit bedeutet und was es heißt, sich verzweifelt nach etwas zu sehnen. Bedenke also gut, ob du mein Geschenk annehmen willst und kannst.“ Jan Witkop hatte der Ansprache der Möwe nach dem ersten Schrecken andächtig gelauscht und seine Freude über ihr Angebot und der Vorstellung, Einsamkeit, Trauer und nagenden Hunger für den Rest seines Lebens hinter sich zu lassen war unermesslich. So ist es nicht weiter verwunderlich, dass er, kaum dass die Möwe ausgesprochen hatte, rief „Ja! Ja, ich nehme dein Geschenk an und verspreche dir, die Bedingung zu achten und zu erfüllen und dich niemals zu fragen, ob ich bei dir schlafen darf!“ Im Bruchteil einer Sekunde verwandelte sich die kleine Schwarzkopfmöwe in eine wunderschöne junge Frau, mit langen schwarzen Haaren, gehüllt in ein fl ießendes weißes Gewand. Sie lebten viele Jahre glücklich und zufrieden Seite an Seite, und Jan verliebte sich mit jedem Tag mehr in seine Möwenfrau. Sein Verlangen bei ihr zu schlafen wuchs ebenso, wie seine Liebe zu ihr und es nagte in seinem Inneren, bis er glaubte er müsse sterben, wenn er nicht wenigstens einmal des Nachts zu ihr kommen dürfe. Aber die Erinnerung an das Versprechen was er ihr einst gegeben hatte, hielt ihn viele Jahre davon ab, die verbotene Frage zu stellen. Doch er spürte eines Tages, dass seine Zeit auf Erden nur noch knapp bemessen war und seine Sehnsucht nach der Möwenfrau wurde so übermächtig, dass er sein Versprechen brach und sie darum bat, bei ihr schlafen zu dürfen. Und so kam es wie es die Möwe vorausgesagt hatte. Die Möwenfrau willigte mit tränenverhangenen Augen ein und bald darauf wurde ihnen eine Tochter geboren. Die Möwenfrau starb ihm im Kindbett und Jan Witkop musste für den Rest seines Lebens mitansehen, wie seine Tochter zu einer von unüberwindbarer Traurigkeit erfüllten, jedoch wunderschönen jungen Frau heranwuchs, die keiner Menschenseele Zugang zu ihrem Herzen gewähren konnte. Jan Witkop starb einsam und allein, erfüllt von tiefer Reue über das, was er seiner Frau und Tochter durch seine Selbstsucht angetan hatte, an einem stürmischen Herbstmorgen, gleich dem, der sein Leben so verändert hatte. Seine unglückselige Tochter jedoch wandelt bis zum heutigen Tage noch in den Dünen der Insel, erfüllt von immerwährender Sehnsucht sich endlich zu ihren Brüdern und Schwestern in den Himmel zu erheben, über den unendlichen Ozean, der Sonne entgegen. © 2007 by Julia Scheibeck

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